Chega! Genug! Osttimor verarbeitet seine blutige Vergangenheit

Chega! Genug! Osttimor verarbeitet seine blutige Vergangenheit

Von Angela Escher. Dili, Timor-Leste

Die Sonne brennt auf unsere Köpfe. Es ist zwar später Nachmittag, aber ihre Strahlen treffen immer noch steil auf Dili herab. Wir steigen über die verschiedenen Gräber, als wären wir auf einer Bergtour und müssten einen Schutthaufen überqueren. Glatte, weisse Platten, abgebrochene Betonklötze, zerbrochene schwarze Platten. Die Menschen auf dem Santa Cruz Friedhof mitten in der Stadt Dili werden eng nebeneinander begraben. Manche Grabstätten sind klein, einzelne ähneln einem Tempel. Kerzen sind selten, da dessen Wachs durch die Sonne innerhalb weniger Minuten schmelzen und somit zerrinnen würde. Damit die Verstorbenen stets Licht haben, werden einige Gräber alternativ mit einem Solarlicht und eigener Solarpanel ausgestattet. Wir suchen das Grab des Unabhängigkeitsaktivisten Sebastião Gomes. Der Student starb in der Nacht vom 28. Oktober 1991 und wurde auf dem Santa Cruz Friedhof begraben. Die indonesischen Soldaten erschossen ihn während den Vorbereitungen zu einer Demonstration in der Motael Kirche.

Das Grab des Unabhängigkeitsaktivisten Sebastião Gomes auf dem Santa Cruz Friedhof in Dili, Osttimor. Foto: PWS/Angela Escher, Mai 2024

Zwei Wochen nach dem Mord an Sebastião Gomes liefen 3’000-4’000 friedlich Demonstrierende zu seinem Gedenken von der Motael Kirche zum Friedhof. Zum ersten Mal forderten die jungen Demonstrierenden öffentlich und direkt ihr Selbstbestimmungsrecht ein. Am Strassenrand standen bewaffnete indonesische Soldaten, Polizisten und Geheimdienstler, die den Marsch beobachteten. Kaum auf dem Friedhof angekommen, wurden die Demonstrierenden von bewaffneten Soldaten umzingelt und gewaltvoll angegriffen. Eine viertel Stunde später nahmen die Sicherheitskräfte über 300 Demonstrierende fest. Mindestens 271 Menschen wurden bei diesem Überfall getötet, rund 250 Menschen vermisst. Max Stahl, ein britischer Journalist, filmte das Massaker zufälligerweise, liess anschliessend das Filmmaterial aus dem Land schmuggeln und publizieren. Die Ausstrahlung der verstörenden Bilder von Soldaten, die auf unbewaffnete Zivilisten schossen, lösten weltweit Entrüstung aus und bildete den entscheidenden Wendepunkt in der internationalen Wahrnehmung des Konflikts [CAVR-Report – Chega! 2010].

Seit dem Jahr 2011 steht vor der Motael-Kirche ein Monument zum Gedenken an das Santa Cruz Massaker, welches gemäss einem Foto von Max Stahl nachgebildet wurde. Er fotografierte auf dem Santa Cruz Friedhof, wie ein verwundeter Mann von einem anderen Mann in den Armen gehalten wird. Foto: PWS/Angela Escher, Juli 2024

Bis zur osttimoresischen Unabhängigkeit im Jahr 2002 verübte die indonesische Besatzungsmacht etliche weitere Massaker. Rund ein Drittel der Bevölkerung wurde vertrieben oder starb. Aus diesem Grund richteten die Vereinten Nationen und die Regierung Osttimors mit Zustimmung Indonesiens zu Beginn der Unabhängigkeit verschiedene Institutionen ein, die die zahlreichen Gräueltaten und Menschenrechtsverletzungen des Bürgerkrieges 1974-75 und der anschliessenden Besatzungszeit durch Indonesiens 1975-99 untersuchten. Zwei Kommissionen zur Wahrheitsfindung entstanden: die Wahrheits- und Versöhnungskommission (CAVR) und etwas später die Wahrheits- und Freundschaftskommission (CTF).

Über 7’600 Osttimoresen und -timoresinnen äusserten sich vor der CAVR-Kommission, wobei rund 80% Opfer und Überlebende von Massakern waren. Etwa 10-15% der Aussagen stammten von Zeugen und 5-10% von Tätern. Die Mehrheit der Aussagen kam von Männern und ein Viertel von Frauen. Da die CAVR zeitlich und finanziell begrenzt war, legten nur etwa 1% der osttimoresischen Bevölkerung Zeugnis ab. Die Liste der dokumentierten Gräueltaten ist lang und umfasst illegale Verhaftungen, Folter, Hinrichtungen, sexuellen Missbrauch, das Verschwindenlassen von Personen und Zwangsumsiedlungen. Auch die Liste der Massaker – insbesondere im Jahr des Referendums 1999 – ist lang. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission veröffentlichte die Zeugenaussagen in fünf Bänden unter dem Titel „Chega!“ (Genug!) und gab 204 Empfehlungen ab.

Die fünf Bände des Berichtes der Wahrheitskommission ist auch Teil der HAK-Bibliothek. Foto: PWS/Angela Escher, Juli 2024

Die Gewalt während des Bürgerkriegs 1974-75 ging grösstenteils von osttimoresischen Parteien aus, nach der Invasion von Indonesien im Dezember 1975 vor allem vom indonesischen Militär. Nur wenige Täter, darunter einige Militäroffiziere, der frühere osttimoresische Gouverneur und ein paar Milizführer, wurden angeklagt. Die meisten von ihnen begnadigte der Präsident José Ramos-Horta im Jahr 2008. Um die freundschaftlichen Beziehungen zu Indonesien nicht zu gefährden, entschied sich die osttimoresische Regierung gegen die strafrechtliche Verfolgung von Menschenrechtsverbrechen und gegen ein internationales Tribunal. Stattdessen unterzeichnete sie ein Abkommen zur Einrichtung einer gemeinsamen Wahrheits- und Freundschaftskommission (CTF) mit Indonesien. Diese veröffentlichte ähnliche Empfehlungen wie die CAVR-Kommission [Klocker 2012]. 2008 gestand Indonesien Kriegsverbrechen ein und drückte Bedauern aus, eine formelle Entschuldigung erfolgte jedoch nie [Watch Indonesia! 2008].

Die Regierung gründete 2017 das Forschungs- und Bildungszentrum Centro Nacional Chega! (CNC), um die Dokumente der CAVR-Kommission zu verwalten und sicherzustellen, dass Osttimor zukünftig gewaltfrei bleibt. „Wir arbeiten eng mit Lehrpersonen zusammen und bilden diese zu den Ereignissen während der indonesischen Besatzungszeit aus oder führen Schüler:innen hier in unserem eigenen Museum umher. So bleiben die Geschehnisse in Erinnerung und werden hoffentlich nicht wiederholt“, erklärt uns Hugo Maria Fernandes, Direktor vom CNC, bei unserem Besuch im Zentrum. Zudem setzen sie sich ein, dass die Empfehlungen der zwei Wahrheitskommissionen (CAVR und CTF) umgesetzt werden.

Zwei Tage nachdem das Ergebnis des Unabhängigkeitsreferendums bekannt war, attackierte die Miliz Laksauer geflüchtete Menschen in der Kirche von Suai und töteten so rund 200 Zivilisten. Eine der Strassen in Suai trägt heute den Namen des Datums des Massakers. So ist die Vergangenheit stets präsent. Foto: PWS/Angela Escher, Juli 2024

Der Versöhnungsprozess gilt als gescheiter. Die Regierung bemüht sich spärlich, um dies zu ändern. Innerhalb der Zivilgesellschaft jedoch kurbeln unterschiedliche Nichtregierungsorganisationen (NGO) den eigenen Versöhnungsprozess an, da immer noch die Sehnsucht nach Gerechtigkeit besteht. Beispielsweise unterstützt AcBIT diejenigen Frauen, die während der Besatzungszeit gewaltvoll missbraucht wurden. „Wenn wir mit diesen Frauen arbeiten, nennen wir sie bewusst „Überlebende“ und nicht „Opfer“. So können wir sie stärken und ihnen eine Zukunftsperspektive aufzeigen“, bekräftigt Manuela Leong Pereira, Direktorin von AcBIT. Auch unsere Partnerorganisation HAK führt innerhalb einer Arbeitsgruppe mit weiteren NGOs und unter der Leitung von AJAR ein Projekt zur Versöhnung aus: Während der indonesischen Besatzungszeit wurden schätzungsweise 4’500 osttimoresische Kinder hauptsächlich nach Indonesien verschleppt. Über Hundert dieser Kinder, die inzwischen Erwachsen sind, konnten mit ihren Familien in Osttimor zusammengeführt werden [AJAR-TL 2024].

Zum 50-jährigen Gedenken der Nelkenrevolution haben am 25. April 2024 osttimoresische Künstler:innen im Auftrag des Centro Nacional Chega! ein neues Wandbild in Dili erstellt. Die Erinnerungen und Lehren aus der Vergangenheit werden durch Kunst an neue Generationen und die breite Öffentlichkeit weitergeben. Foto: PWS/Angela Escher, Juli 2024

Die breite Öffentlichkeit miteinbeziehen ist den Organisationen in Osttimor wichtig. CNC organisierte beispielsweise zum fünfzigsten Jahrestag der Nelkenrevolution, die das Ende der Kolonialzeiten ebnete, im April 2024 einen Anlass, an dem junge Künstler:innen ein riesiges Wandbild kreierten und weihten dies zusammen mit dem Ombudsman ein. Oder AJAR bildet gezielt, mittels einer eigenen Schule, junge Menschen in der Thematik der Menschenrechte aus. Die neue Generation wächst also im Bewusstsein heran, dass genug ist mit Massaker und Gewalt, und dass der Boden für eine gerechte Zukunft geschaffen werden muss!

Am 16. April 2024 führte HAK zusammen mit weiteren Organisationen ein Gedenkanlass zu verschiedenen Massakern durch, die im April 1999 in Dili stattfanden. So geben sie den Überlebenden eine Stimme und setzten sich ein, dass solche Massaker nicht wiederholt werden. Foto: PWS/Angela Escher, April 2024
Filmtipps
  • BLOODSHOT: THE DREAMS & NIGHTMARES OF EAST TIMOR (2011) von Peter A. Gordon mit Max Stahl als Kameramann
  • BEATRIZ’S WAR (2013) von Luigi Acquisto und Bety Reis
  • MEMORIA (2016) von Kamila Andini
Literaturhinweise
  • AJAR Timor Leste: Stolen Children; https://stolenchildren.asia-ajar.org/ [Online 12.07.2024]
  • CAVR Report – Chega! (2010): The final report of the Timor-Leste Commission for Reception, Truth and Reconciliation (CAVR); Jakarta.
  • Klocker, Daniela Sarah (2012): Die Gespenster der Vergangenheit. Osttimors Aufarbeitung der Vergangenheit auf der Suche nach einem stabilen Frieden. Eine Literaturanalyse; Diplomarbeit Universität Wien.
  • Schlicher, Monika (2005): Osttimor stellt sich seiner Vergangenheit. Die Arbeit der Empfangs-, Wahrheits- und Versöhnungskommission; Menschenrechte 25. Aachen: missio.
  • Watch Indonesia! (2008): Indonesia regrets human rights violations in East Timor; https://www.watchindonesia.de/3582/indonesia-regrets-human-rights-violations-in-east-timor?lang=en [Online 12.07.2024]