Gewalteskalation im Bajo-Aguán, Honduras
Mai 2026
Am 21. Mai 2026 kam es in Honduras zu schweren Gewaltereignissen. In der bäuerlichen Gemeinschaft Rigores, Departement Colón im Bajo-Aguán im Norden von Honduras wurden bei einem Angriff durch schwer bewaffnete Personen mindestens 20 Menschen getötet, darunter mindestens fünf Kinder und drei Frauen. Nach bisherigen Informationen richtete sich der Angriff gegen landwirtschaftliche Arbeiter*innen bzw. Tagelöhner*innen auf einer Palmöl-Plantage der Finca Paso Aguán in der Gemeinschaft Rigores. Parallel dazu wurden in einem anderen Departement im Norden des Landes, in Cortés an der Grenze zu Guatemala, mindestens fünf Polizisten getötet. Inwieweit diese Ereignissen zusammenhängen, ist derzeit unklar.
Peace Watch Switzerland (PWS) begleitet im Bajo-Aguán Menschenrechtsverteidiger*innen und bäuerliche Gemeinschaften. Unsere Solidarität gilt den Angehörigen der Opfer und allen betroffenen Gemeinschaften. Gemeinsam mit 31 Organisationen des Espacio ACI verurteilt PWS in einer Pressemitteilung die Gewalttaten entschieden und bringt seine tiefe Bestürzung über einen der schwerwiegendsten Gewaltvorfälle der letzten Jahre im Bajo-Aguán zum Ausdruck.
Auch das UN-Menschenrechtsbüro OACNUDH zeigte sich tief besorgt über die Ereignisse und forderte eine umfassende Untersuchung sowie den Schutz der betroffenen Gemeinschaften. Die Stellungnahme unterstreicht die internationale Tragweite und menschenrechtliche Dimension der Gewalt im Bajo-Aguán.
Wir fordern:
- eine unabhängige, transparente und umfassende Untersuchung der Gewalttaten sowie die strafrechtliche Verfolgung der operativen und strategischen Verantwortlichen,
- wirksame Schutzmassnahmen für betroffene Gemeinschaften, Menschenrechtsverteidiger*innen und bäuerliche Organisationen,
- die Verhinderung weiterer Kriminalisierung und Diffamierung sozialer Bewegungen und bäuerlicher Gemeinschaften,
- strukturelle Lösungen für den Agrarkonflikt, insbesondere in Bezug auf Landrechte, Zugang zur Justiz, Schutzmechanismen und die Bekämpfung von Straflosigkeit.
- Druck der internationalen Gemeinschaft auf den honduranischen Staat zur Aufklärung der Gewalttaten, zum Schutz der betroffenen Gemeinschaften und zur Umsetzung struktureller Lösungen im Agrarkonflikt.
Wir verurteilen aufs Schärfste die Kriminalisierung und die systematische Gewalt, der die Bauernfamilien im Departement Colón ausgesetzt sind. Dieser jüngste Akt der Unmenschlichkeit ist kein Einzelfall. Er ist das direkte Ergebnis struktureller Straflosigkeit, des Mangels an umfassenden Massnahmen seitens des Staates und der staatlichen Vernachlässigung, unter der die Gemeinden in dieser Region leiden.
Weitere Stellungnahmen und Informationen veröffentlichten die Plataforma Agraria, das Centro de investigación y Promoción de los Derechos Humano CIPRODEH sowie die Coalición contra la Impunidad.
Gewalt im Kontext eines langjährigen Agrarkonflikts
Die jüngsten Ereignisse verdeutlichen erneut die dramatische Menschenrechts- und Sicherheitslage im Bajo-Aguán. Die Region gehört seit Jahren zu den konfliktreichsten Gebieten Honduras und ist immer wieder Schauplatz bewaffneter Angriffe, Vertreibungen bäuerlicher Gemeinschaften und gewaltsamer Konflikte um Landrechte u.a. im Zusammenhang mit der grossflächigen Palmölproduktion. Viele Familien leben unter ständiger Bedrohung durch bewaffnete Gruppen und organisierter Kriminalität bei weitverbreiteter Straflosigkeit. Regelmässig kommt es in bäuerlichen Gemeinschaften und unter Menschenrechtsverteidiger*innen zu Todesfällen.
Nach den jüngsten Angriffen herrscht im Bajo-Aguán ein Klima der Angst und Unsicherheit. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Militarisierung und verschärfter Sicherheitsdiskurse rund um ein Anti-Terror-Gesetz unter der Regierung von Nasry Asfura befürchten Menschenrechtsorganisationen und bäuerliche Bewegungen, dass die Ereignisse genutzt werden, um sicherheitspolitische Massnahmen auszuweiten und bäuerliche Bewegungen sowie Landrechtsforderungen weiter zu kriminalisieren. Erfahrungen aus dem Bajo-Aguán zeigen bislang, dass Militarisierung und Ausnahmezustände weder Gewalt noch Straflosigkeit nachhaltig reduzierten, die Risiken für Menschenrechtsverteidiger*innen jedoch gleichzeitig weiter stiegen.
Menschenrechtsorganisationen warnen davor, dass die jüngsten Ereignisse instrumentalisiert werden könnten, um die Militarisierung und Kriminalisierung bäuerlicher Bewegungen weiter voranzutreiben – ohne die strukturellen Ursachen der Gewalt anzugehen.
Mehr Informationen zur allgemeinen Situation im Bajo-Aguán finden Sie hier.
